Die Treuhand und Ich
Ich kam Anfang 1990 in die damalige „noch“ DDR. Ich war zwar in Deutschland aufgewachsen, hatte aber die englische Staatsbürgerschaft, d.h. dass die DDR-Bürger und ich gemeinsam auf die "Wessies" schimpfen durften.
Die ursprüngliche Idee des deutschen Zwei-Staaten-Systems wurde in dem Moment aufgegeben, als Helmut Kohl Parität der Ost- mit der West-Mark versprach. Das von den meisten Bürgern gesparte (für große Konsumgüteranschaffungen gedachte) Kapital bedeutete einen plötzlichen und unwiderstehlichen Reichtum - jedenfalls in den Köpfen der Menschen. Die Wiedervereinigung verlief reibungslos über die Bühne. Leider ging das aber nicht ohne Reibung in der Wirtschaft vonstatten. Da man keine 2 - 3 Jahre ökonomischer Annäherung zur Verfügung hatte, mussten radikalere Wege eingeschlagen werden. Die Idee der "Treuhand" war geboren - ein staatlich geführtes Gremium von Beamten, Ökonomen und Rechtsberatern, die die teils maroden und teils im westlichen Wirtschaftsraum nicht wettbewerbsfähigen DDR-Betriebe und früher vom Staat geführten Unternehmungen an internationale Investoren veräußern sollte. Treuhand Büros wurden in allen Landeshauptstädten eröffnet - so auch in Erfurt, der Hauptstadt Thüringens. Hier hatte ich in der Zeit von 1990 - 91 ein Weiterbildungsinstitut eröffnet, das Umschulungen des Personals von drei großen thüringischen Kombinaten (in Erfurt, Ilmenau und Suhl) organisierte.
Meine persönlichen Erfahrungen mit der Treuhand waren unterschiedlich: Einmal wollte ich meine eigene Firma vergrößern und zweitens war ich quasi als Makler für eine englische Sanitärfabrik tätig. Beim ersten Mal waren die Erfahrungen nicht gut, denn die Treuhand "Verkäufer" des Riesenkombinats in einer kleinen Stadt Thüringens boten Immobilienschnäppchen an, die dem Kombinat aber nicht gehörten und das zu außerordentlich niedrigen Preisen. Es war glücklicherweise das Gegenstück der Gier, also die 'Mutter der Vorsicht', die mich davon abhielt, den „Deal“ zu tätigen. Im Treuhand Büro traf man auf piratenähnliche Geschäftsleute aus ganz Europa - vor allem aber aus Österreich und Holland. Die meisten jedoch waren Wessies - entweder die "Heimkommer“ oder die staatlich subventionierten älteren „Möchte-gern-Unternehmer“, jene die zuhause nichts geschafft hatten. Es wurden große Kataloge von Immobilien wie Fabriken, staatlichen Organisationen, Kombinats-Gästevillen usw. - herausgegeben. Hier konnte man sich etwas aussuchen und für lächerlich kleine Beträge - zum Schluss sogar für DM 1,- -kaufen. Es war der Ausverkauf eines Staates.
Meine zweite Begegnung mit der Treuhand war als Makler für einen englischen Hersteller von Sanitätsgütern eine Fabrik in Sachsen-Anhalt recherchiert hatten. Diese war mit den neuesten westdeutschen Maschinen ausgestattet und die Engländer hatten vor, hier zu produzieren. Ich besuchte die Fabrik und musste ihnen recht geben: die Fabrik wurde gut geführt, war vor einem Jahr neu ausgestattet worden und konnte mit dem Westen konkurrieren. Da es keine anderen Bewerber gab, wurde die Firma für DM 1,- angeboten. Die Engländer waren entzückt und freuten sich über die geringen Anschaffungskosten und das gut trainierte Personal. Dann aber schien es Probleme mit dem Projekt zu geben - die Verhandlungen zogen sich in die Länge. Letztendlich wurde die Fabrik einem (westdeutschen) Interessenten zugesprochen. Binnen eines Jahres waren alle Maschinen nach Westdeutschland übergesiedelt worden, alle Arbeiter entlassen worden und alle Gebäude und Grundstücke verkauft worden. Die Treuhand hätte mit einem etwas längeren Atem, etwas mehr Umsicht und Verständnis der Befindlichkeiten handeln können. Leider war ihre Hand auch nicht immer treu. Der 'Schlussverkauf' hätte besser laufen sollen.
-Renate